Hanauer Modell - 
Optimierte Versorgung in der Psychiatrie

Das Hanauer Modell - Perspektiven für die psychiatrische Versorgung in Deutschland

Modellprojekt Optimierte Versorgung in der Psychiatrie Hanau

Sektorübergreifende Konstanz der Therapiebeziehung
Die Konstanz einer gewachsenen therapeutischen Beziehung zwischen Patient und Behandlungsteam ist ein entscheidender Faktor für die erfolgreiche und nachhaltige Behandlung psychischer Störungen. Gerade Patienten mit schweren und chronifizierenden psychischen Störungen haben besondere Schwierigkeiten, die verfügbaren Behandlungsangebote in Anspruch zu nehmen. Die unzureichende Integration ambulanter und stationärer Therapien führt dabei nicht selten zu einer Reduzierung auf die stationäre Behandlung akuter Exazerbationen der Erkrankung gefolgt von einem Behandlungsabbruch im ambulanten Sektor.

Unser Modellprojekt bietet hier das Potential zur Entwicklung flexibler, sektorübergreifender Versorgungsformen. Der Ausbau des ambulanten Spektrums reicht dabei prinzipiell von präventiven, niederschwelligen Behandlungskontakten zur längerfristigen Stabilisierung des Patienten über hochfrequente Kontakte in der Klinik bis hin zur stationsersetzenden, aufsuchenden Behandlung im häuslichen Umfeld bei akuten Krisen. Der Bedarf an teil- und vollstationäre Behandlungen sollte dadurch mittelfristig rückläufig sein. Die Kenntnis des Patienten in seinen verschiedenen  Lebens- und Erkrankungsphasen ermöglicht die differenzierte Beurteilung der erforderlichen Behandlungsintensität vor dem Hintergrund der Lebenssituation des Patienten. Die gewachsene Behandlungsbeziehung trägt zur psychischen Stabilisierung bei. Bei suizidalen Krisen stellen tragfähige Beziehungen den einzigen, längerfristig wirksamen Schutz dar.

Sektorübergreifende Optimierung der Behandlungsprozesse
Über die letzten Jahrzehnte ist auch in der Psychiatrie ein massiver Rückgang der stationären Verweildauern zu beobachten. Die durchschnittliche fallbezogene Verweildauer stationärer Behandlungen pro Jahr liegt heute bei etwa 25% der Vergleichswerte aus 1980. Diese ausgeprägte Reduzierung der stationären Behandlungsdauer pro Fall führt mittlerweile bei einer wachsenden Zahl von Diagnose- und Patientengruppen zu weniger nachhaltigen Behandlungsergebnissen und in deren Folge wieder zu einer Zunahme der stationären Fälle und Behandlungstage pro Patient.

Reduzierte Behandlungstage pro Fall und zunehmende Fallzahl pro Patient haben eine erhebliche Verdichtung des patientenbezogenen Behandlungsaufwands gerade an den Schnittstellen in die und aus der Klinik mit sich gebracht. Diese Entwicklung des realen Leistungsgeschehens wird durch die Psychiatriepersonalverordnung der 90er Jahre seit langem nicht mehr adäquat abgebildet. Die dadurch fehlenden Ressourcen behindern wiederum eine weitere Optimierung der sektorübergreifenden Behandlungsprozesse.

Unser Modellprojekt bietet hier mit seiner Integration ambulanter und stationärer Behandlungen, der Betrachtung der patienten- statt fallbezogenen Aufwände sowie seinen leistungsbezogenen Tagesentgelten einen naheliegenden Ansatz, um die Behandlungsprozesse in Bezug auf den einzelnen Patienten weiter optimieren zu können.

Versorgungsbedarf psychischer Störungen
Die Prognosen der Weltgesundheitsorganisation zur Fallzahlentwicklung psychischer Störungen bis 2020 zeichnen ein dramatisches Bild. Depressive Störungen, Alkoholerkrankungen, Demenz, Schizophrenie und Bipolare Störungen entwickeln sich zu den führenden Diagnosen mit langjähriger und schwerer Beeinträchtigung der betroffenen Patienten. Die Diagnosenverteilungen der letzten Jahre bei Arbeitsunfähigkeit und Erwerbsunfähigkeitsberentung bestätigten diese Prognosen und zeigen eine weit überproportionale Zunahme psychischer Störungen.

Die Zunahme psychischer Störungen erfordert dringend eine Anpassung der psychiatrischen Versorgungsformen. Ein zunehmender Ausbau integrierter ambulanter und teilstationärer Versorgungsangebote ist notwendig, um optimale, wohnortnahe und ressourcensparende Behandlungen zu gewährleisten und Alternativen zur sonst notwendigen Ausweitung stationärer Versorgungskapazitäten zu entwickeln. Auch in Bezug auf diese Versorgungsnotwendigkeiten bietet das vorliegende Modellprojekt neue Perspektiven zur Erprobung integrierter Versorgungsformen und der dafür erforderlichen Personalentwicklung.

"Enthospitalisierung" und Weiterentwicklung der Mitarbeiter
Die klassische psychiatrische Versorgung ist für die Behandlung akuter Phasen psychischer Störungen häufig auf die stationäre Versorgung fokussiert. Nicht so selten wäre aber alternativ auch eine angemessene oder sogar bessere Behandlung durch stationsäquivalente intensive ambulante Leistungen möglich (Assertive Community Treatment, Case Management, Kriseninterventionsteams, Behandlungen zu Hause). Mit dieser Flexibilisierung der Krankenhausbehandlung kann der Bedarf einer stationären Aufnahme in vielen Fällen deutlich reduziert werden.

Dieser veränderte Behandlungsansatz in unserem Modellprojekt entwickelt ferner das multiprofessionelle Behandlungsteam in der psychiatrischen Versorgung über den stationären Rahmen hinaus. Damit eröffnet sich ein ganz neuer Blick auf die Bedürfnisse des Patienten und seines sozialen Umfeldes. Der Patient wird nicht nur während der Phasen akuter und schwerer Erkrankung wahrgenommen, sondern auch in seinen Lebensbezügen und individuellen Zielen außerhalb der bisherigen Krankenhausbehandlung. Auch für die Einbeziehung von Angehörigen und Umfeld des Patienten eröffnen sich dadurch zusätzliche Möglichkeiten.

Erfahrungen im europäischen Ausland und aus einigen wenigen Modellprojekten mit einem regionalen Psychiatriebudget in Deutschland zeigen, dass der hier vertretene integrierte Behandlungsansatz in vielen Fällen deutlich besser zur langfristigen Stabilisierung von Menschen mit psychischen Störungen beitragen kann, als die bisherigen stationszentrierten Behandlungsformen in Verbindung mit einer psychiatrischen Institutsambulanz.


Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Schillen         Dipl.-Pflegewirt Stephan Wolff
Direktor                                              Pflegerischer Abteilungsleiter

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Klinikum Hanau GmbH