Pressemeldung vom 6. Dezember 2013

Demenzkranke leben in einer eigenen Welt


Klinikum Hanau stellt sich mit innovativen Pflege- und Ernährungskonzepten auf die wachsende Zahl von demenziell erkrankten Menschen ein

Die Zahl der demenzkranken Menschen nimmt stark zu. Das stellt auch die Krankenhäuser vor große Herausforderungen. Denn demenziell Erkrankte benötigen bei einem Klinikaufenthalt eine spezielle Ansprache, auf sie zugeschnittene Versorgungskonzepte, eine besondere Pflege und auch eine spezifische Ernährung. Darauf hat sich das Klinikum Hanau eingestellt: Elf Mitarbeiter haben jetzt die Weiterbildung zu internen Demenzbeauftragten abgeschlossen und sichern so eine qualitativ hochwertige Versorgung von Demenzpatienten. Parallel wurde außerdem eigens ein Ernährungskonzept für diese Patientengruppe entwickelt.

Mehr als die Hälfte der Patienten in Akutkrankenhäusern ist älter als 60 Jahre, etwa zwölf Prozent sind von einer Demenzerkrankung betroffen. Und ihr Anteil wird in Zukunft voraussichtlich erheblich steigen. „Wenn Demenzkranke zum Beispiel wegen eines Knochenbruchs oder einer Herzerkrankung in das Krankenhaus aufgenommen werden, ist Demenz meist nur eine Nebendiagnose“, erläutert die Leiterin des Geschäftsbereichs Pflege des Klinikums Hanau, Esther Klug. Und der Ärztliche Direktor des Klinikums Hanau, Dr. André Michel, ergänzt: „Demenziell erkrankte Menschen sind eine besonders schutzbedürftige Patientengruppe. Mit den neuen Pflege- und Ernährungskonzepten können wir ihnen und ihren Angehörigen eine optimale Hilfe und Unterstützung bieten.“

Im Klinikum Hanau gibt es jeden Tag etwa 20 bis 30 Patienten mit einer auffälligen Demenz. Das sind aber keine neurologischen oder psychiatrischen Pateinten, sondern Menschen vor allem in den medizinischen und chirurgischen Kliniken, die wegen ganz anderer Krankheitsbilder ins Klinikum zur Behandlung kommen, berichtet Diplom-Pflegewirt Stephan Wolff. Er ist im Geschäftsbereich Pflege und Stationsmanagement des Klinikums Hanau für die Pflegeentwicklung zuständig.

Seit Dezember 2013 gibt es deshalb im Klinikum Hanau die ersten elf internen Demenzbeauftragten. Sie sind auf allen Stationen vertreten, die häufig und regelmäßig mit dementen Patienten zu tun haben. „Die Pflegewissenschaft hat in den vergangenen Jahren viele neue Erkenntnisse gewonnen und erfolgreiche Strategien entwickelt“, unterstreicht Esther Klug. Dieses Wissen ist in die Weiterbildung eingeflossen. Die Demenzbeauftragten sind auf den Stationen per Aushang bekannt gemacht und auch Ansprechpartner für die Angehörigen da. Ihre Aufgabe ist es, demente Patienten zu erkennen und unter Einbeziehung der Angehörigen spezielle Lösungen zu entwickeln.

Denn demente Patienten, erläutert Stephan Wolff, zeigen als Folge ihrer fortgeschrittenen Demenz ein besonders auffälliges Verhalten: z. B. Weglauftendenzen, Medikamenten- und Nahrungsverweigerung, dauerndes Rufen auch Aggressionen. Im Klinikum Hanau gibt es schon seit geraumer Zeit Schulungen für Pflegemitarbeiter zum richtigen Umgang mit demenziell erkrankten Patienten. Doch um die wachsende Zahl der dementen Patienten optimal versorgen zu können, musste die Qualifikation der Mitarbeiter neu strukturiert und ausgerichtet werden. 

Die Abläufe in modernen Krankenhäusern sind primär nicht auf Demenzranke abgestellt, sondern vielmehr auf kooperative und verständige Patienten ausgerichtet. Und das passt nicht zu den Wahrnehmungswelten der Dementen. Ein klassisches Beispiel dafür ist das morgendliche Wecken mit der anschließenden Körperpflege, berichten die angehenden Demenzbeauftragten. Demenzkranke Patienten sind morgens oft noch sehr schläfrig. Wenn man sie dann wie alle anderen Patienten behandelt, kommt es regelmäßig zu Konflikten. Man muss deshalb schauen, wann diese Patienten eine gute Phase haben und ihnen Körperpflege unabhängig vom Standardtagesablauf anbieten.

Das Gleiche ist  beim Essen der Fall. Denn Demenzpatienten essen viel besser, wenn sie kurz vor der Nahrungsaufnahme aktiviert werden, indem man z. B. mit ihnen singt, ein Lied vorspielt oder ihnen etwas gibt, das die Erinnerung an ein vergangenes Ereignis aus ihrem Leben weckt – zum Beispiel ein Foto. Dann werden demenziell Erkrankte aktiv, sind stärker konzentriert und essen besser. Es ist außerdem bekannt, dass demenziell Erkrankte nach dem Mittagessen einen Tiefpunkt haben. „Da kann man sie kaum mit Belastungen konfrontieren“, weiß Stephan Wolff, „wenn man es dennoch tut, gibt es regelmäßig problematische Reaktionen – z.B. wenn ein Patient ausgerechnet in dieser Zeit zum Röntgen soll.“

Auch die Angehörigen spielen bei der Versorgung von Demenzkranken im Klinikum eine wichtige Rolle. Deshalb werden sie zukünftig von den Demenzbeauftragten gezielt mit einbezogen. Zum Beispiel dürfen Patienten  wenn sie  frisch operiert sind, nicht gleich aufstehen. Das verstehen Demente aber nicht. „Theoretisch müsste deshalb immer jemand am Bett sein oder die Patienten fixiert werden. Das wollen wir aber nicht - und immer am Bett sein können wir nicht“, sagt Wolff. Da kommen dann die Angehörigen ins Spiel. Für sie bietet das Klinikum in ausgewählten Fällen ein Rooming-In an, d. h: Angehörige können bei dem Patienten im Zimmer bleiben und auch dort übernachten.

Demenzpatienten haben zudem häufig Probleme, wenn sie alleine oder in einem Doppelzimmer liegen. Denn sie suchen nach stimulierenden Erlebnissen. Aktivitäten finden im Krankenhaus aber meist außerhalb des Patientenzimmers statt – vor allem in der Nähe des Pflegestützpunktes. In solchen Fällen können Pflegemitarbeiter diese Patienten in einem bequemen Stuhl setzen, der sich in der Nähe des Stützpunktes befindet. So sind die Patienten in der Lage, gut zu verfolgen, was dort alles so passiert. Der Effekt ist: Die Patienten fühlen sich wohl, rufen und schreien  weniger und sind insgesamt ausgeglichener.

Eine Demenzerkrankung wirkt sich auch stark auf das Ess- und Trinkverhalten der Patienten aus. Im Krankenhaus muss der Ernährung dieser Patientengruppe deshalb eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Dafür ist im Klinikum Hanau vor allem das Team der Ernährungs- und Diätberatung verantwortlich. Es hat für demenziell erkrankte Menschen ein besonderes Versorgungskonzept entwickelt. Das Team der Ernährungs- und Diätberatung wird von Ulrich Kahlert geleitet. Er ist Leitender Diätassistent, Diabetesassistent DDG und Diätküchenleiter/Verpflegungsmanager nach den Kriterien der deutschen Gesellschaft für Ernährung.

„Menschen mit Demenz sind häufig von Dehydration, also Austrocknen durch mangelnde Flüssigkeitsaufnahme, und Mangelernährung bedroht“, berichtet Ulrich Kahlert. Denn neben dem weitreichenden Gedächtnisverlust, dem abnehmendem Sprachvermögens und dem Nichtmehrerkennen von Angehörigen, haben Demenzkranke große Probleme bei der Nahrungsaufnahme: Die Symptome der Demenz beeinflussen das Ess- und Trinkverhalten so gravierend negativ, dass dem gegengesteuert werden muss.

So sind Demenzkranke in einem fortgeschrittenen Stadium meist nicht mehr in der Lage, sinnvolle Bewegungsabläufe auszuführen – wie z. B. die Hand, die den Löffel hält, zum Mund zu führen. Speisen und Getränke werden oft auch gar nicht als solche erkannt oder sogar als Gefahr gesehen.  Auch der Umgang mit Messer und Gabel funktioniert dann häufig nicht mehr. Zusätzlich sind viele Demenzpatienten unruhig, erklärt Ulrich Kahlert: Sie können nicht in Ruhe am Tisch sitzenbleiben, lassen sich leicht ablenken – und mit ihrer zunehmenden Aktivität steigt wiederum der Energiebedarf; er liegt bei rund  3.000 bis 4.000 Kalorien am Tag.

Ganz gravierend ist: Demenziell Erkrankte haben eine veränderte Geschmackswahrnehmung. Sie essen zwar gerne Süßes, wogegen Saures als unangenehm bitter empfunden wird. Außerdem geht den Patienten das Gefühl von Hunger und Sättigung verloren – zugleich fehlt den Betroffenen die Einsicht in die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme. Vielfach führen daher mit der Demenz einhergehende Angstzustände zur Nahrungsverweigerung – zum Beispiel aus Angst, vergiftet zu werden oder weil Nahrungsmittel nicht als solche erkannt werden. Auch normale Essenportionen erscheinen den Patienten unübersichtlich und daher nicht attraktiv.

Dieses Wissen, erläutert Ulrich Kahlert, ist im Klinikum Hanau in ein spezielles Ernährungskonzept für Demenzkranke eingeflossen. Zum Beispiel müssen die Essensportionen kleiner werden, „dafür aber richtige  Kraftpakete sein. Es muss gelingen, auch in kleine Portionen möglichst viel Energie und wichtige Hauptnährstoffe hineinzupacken“, weiß der Ernährungsexperte. Die Lust am Essen wird auch dadurch geweckt, dass bevorzugt Lebensmittel mit einem intensiven Geruch ausgewählt werden. Speisen müssen außerdem stärker gewürzt werden. Eine ansprechende Umgebung regt zudem zum Essen an: Zeit, Ruhe und Gelassenheit, die Anregung aller Sinne, ein bunt gedeckter Tisch mit farbigen Kontraste, eine gute Beleuchtung und deutlich unterscheidbare Speisen sind weitere Bausteine des Konzepts, das Demenzpatienten zum ausreichenden Essen und Trinken animiert.