Pressemeldung vom 2. Februar 2016

Kleiner Draht und große Wirkung Klinikum Hanau mit neuartiger Schlaganfall-Therapie – Mehr Überlebende und weniger Behinderungen


Hanau. Gute Nachrichten für Schlaganfall-Patienten: Das Klinikum Hanau wendet jetzt eine Methode zur Entfernung von Blutgerinnseln an, die sowohl die Sterberate deutlich senkt als auch die Zahl derer, die nach einem schweren Schlaganfall bleibende Behinderungen davon trägt. Möglich macht dies ein kleines Instrument, das mechanisch das Gerinnsel „herauszieht“ – vor allem aber die zügige Zusammenarbeit von Radiologie, Neurologie und Anästhesie. Fünf bis zehn Prozent aller Schlaganfall-Patienten, so schätzen die Experten, können von dem neuen Verfahren profitieren.

 

Auf den ersten Blick ist das Instrument, das Leben retten kann, einem modernen, kleinen Schneebesen nicht unähnlich: Der sogenannte „Stent Retriever“, der im Ursprung vom Hersteller für andere Einsatzgebiete entwickelt wurde, besteht aus einem dünnen Draht, an dessen Ende ein Drahtgeflecht befestigt ist, welches sich in dem Blutgerinnsel verhakt und entfernt werden kann. Filigrane Höchstleistungsmedizintechnik, für die es Fingerspitzengefühl, eine ruhige Hand und vor allem Schnelligkeit bedarf. Am Klinikum Hanau sind jetzt alle drei Voraussetzungen gegeben – das freut auch Dr. med. André Michel, Geschäftsführer und Ärztlicher Direktor an dem kommunalen Krankenhaus: „Wir sind in der glücklichen Lage, mit den neuen Chefärzten Prof. Dr. med. Christopher Bangard (Radiologie) und Dr. med. Sven Thonke (Neurologie) diese Methode anzubieten. Das ist durchaus nicht selbstverständlich, denn der wissenschaftliche Durchbruch dafür erfolgte erst 2015 und nur wenige Schlaganfallkliniken können dieses Verfahren bereits heute anbieten.“ Da nämlich veröffentlichte die renommierte Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ fünf große Studien zu genau diesem Verfahren – sie alle zeigten Wirksamkeit und Vorteile für die Patienten. Noch im Jahr zuvor galten die Forschungsarbeiten zur mechanischen Thrombusentfernung gemeinhin als gescheitert – später erst entdeckte man, dass es an ungeeigneten medizinischen Gerätschaften gelegen hatte, und der pfiffige „Stent-Retriever“ kam ins Spiel. „ Wir haben bei der Auswahl der neuen Chefärzte für die Radiologie und Neurologie im Jahr 2015 ganz gezielt nach Experten gesucht, die dieses innovative Verfahren am Klinikum Hanau etablieren können – und das ist uns gelungen,“ betont Michel.

Im Klartext: Bei dieser Therapie wirkt eine Kombination aus mechanischer Behandlung (Entfernung des Thrombus aus einer Hirnschlagader) und intravenöser Zufuhr eines gerinnselauflösenden Medikamentes (Lyse). Beide Verfahren sind per se nichts ganz Neues, doch die Kombination aus beiden macht’s in diesem Fall – während der Patient mit der Lysetherapie versorgt wird, kann der Eingriff mit dem „Stent Retriever“ parallel dazu bereits erfolgen. In einzelnen Fällen kann die Behandlung mit dem Stent-Retriever auch ohne eine Lysetherapie erfolgen, nämlich dann, wenn eine solche Behandlung zum Beispiel aufgrund einer Blutgerinnungsstörung nicht gegeben werden darf oder wenn die Schlaganfallsymptomatik mehr als viereinhalb Stunden zuvor begonnen hat. Bei manchen Patienten kann man dann immer noch das Blutgerinnsel mit dem Stent-Retriever entfernen, das Verfahren kann bis zu sechs Stunden, in wenigen Fällen sogar noch danach eingesetzt werden.

Auch bei dieser Therapie ist vor allem Schnelligkeit gefragt. „Time is brain“ (zu deutsch: Zeit ist Hirn) bringt es auf den Punkt, das heißt: Der Patient muss nach dem Schlaganfall so schnell wie möglich ins Krankenhaus kommen. Dort wird er von den Fachleuten der Schlaganfall-Einheit (Stroke Unit), wie es sie in Hanau gibt, sofort untersucht und die erforderliche Notfalldiagnostik durchgeführt. Dann geht es im Klinikum der Brüder-Grimm-Stadt im Eiltempo weiter: Bei dem neuen Verfahren arbeiten drei Abteilungen Hand in Hand. Radiologie-Chef Bangard erklärt, wie es in der Praxis abläuft: „Der Patient wird direkt in die CT-Abteilung in der Zentralen Notaufnahme gefahren und erhält sofort eine Computertomographie des Schädels. Nach Ausschluss einer Hirnblutung folgt eine sogenannte „CT-Angiographie“, bei der die Gefäße und damit auch ein Gefäßverschluss detailliert dargestellt werden. In Abhängigkeit vom CT-Befund und nach Ausschluss von Gegenanzeigen für eine Lysetherapie erhält der Patient die Lyse, bis die gemeinsame Entscheidung von Neurologie und Radiologie über die mechanische Entfernung des Thrombus getroffen ist. Fällt sie positiv aus, dann wird in einer Narkose, die durch die Anästhesie unter Leitung unseres Kollegen PD Dr. med. Marco Gruß erfolgt, der „Stent Retriever“ über die Leiste via Halsschlagader in das verschlossene Gefäß eingeführt, hakt sich in dem Blutgerinnsel fest und kann zusammen mit dem Thrombus herausgezogen werden.“ Klingt simpel, ist es aber beileibe nicht: Erste Voraussetzung ist die Expertise der Ärzte und das Vorhandensein der entsprechenden Fachdisziplinen und der technischen Ausstattung, dann die reibungslose Zusammenarbeit von Radiologen, Neurologen und Anästhesisten. „Von der Einlieferung bis zur Entfernung des Thrombus benötigen wir im besten Fall nur eine Stunde, sagt Sven Thonke, „das liegt unter anderem daran, dass wir hier im Klinikum alles vor Ort haben und lange Transportwege wegfallen. Und es muss einfach alles stimmen, Diagnostik, Angiographie, Narkose.“ Seit November, so Thonke, habe man bereits zehn Patienten mit dieser Therapie erfolgreich behandelt – am ersten Tag sogar gleich drei.

Die Ergebnisse sprechen für sich: Von diesen zehn sind sechs der Patienten ohne bleibende Schäden davon gekommen – bei schweren Schlaganfällen bisher eine Seltenheit, die meisten Menschen tragen Behinderungen davon, viele sterben sogar. Fünf bis zehn Prozent aller Patienten mit einem Schlaganfall, so schätzt Christopher Bangard, könnten zukünftig mit diesem Verfahren behandelt werden. Insgesamt werden am Klinikum Hanau jährlich 700 bis 800 Schlaganfallpatienten eingeliefert, und auch die über 80-Jährigen würden von dem neuen Verfahren profitieren. Für ihn und seine Kollegen ein Meilenstein: „Bisher hat man nur Heilversuche gemacht, aber jetzt haben wir ein wissenschaftlich fundiertes Therapieverfahren.“ Sven Thonke aber macht nochmal eins deutlich: „Sowohl die Lysetherapie als auch das Verfahren zur kathetergestützten Entfernung des Thrombus kommen nur dann in Frage, wenn die Patienten früh bei uns sind, das heißt, bei jedem Verdacht auf einen Schlaganfall sofort über die Notrufnummer 112 den Krankenwagen rufen und sich so schnell wie möglich ins Klinikum Hanau bringen lassen.“