Fahrstuhl in die Vergangenheit
Oberbürgermeister Claus Kaminsky über Grafen, Mauern und StädtebauMit dieser Information möchten wir Sie - einem Fahrstuhl in die Vergangenheit gleich - rund 400 Jahre in das Hanau des 17. Jahrhunderts zurückversetzen. Willkommen an einer „archäologischen Stadtbaustelle", einem kleinen, aber feinen Einblick in das Hanau um 1600, wie er sich nur selten bietet, da über die Zeitläufte hinweg das Gebiet unserer Innenstadt völlig überbaut wurde.
Bei vorbereitenden Maßnahmen für die Erweiterung des Klinikums wurden Anfang März 2009 Reste der Stadtbefestigung und ein Brunnen aus der Anfangszeit der Hanauer Neustadt gefunden.
Wie Sie wissen, wurde die Neustadt 1597 von Graf Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg mit Glaubensflüchtlingen aus den spanisch besetzten Niederlanden und dem heutigen Belgien per Kapitulation gegründet (Kapitulation bedeutet nichts anderes als ein Vertragswerk, das sich in mehrere Kapitel und Paragrafen unterteilt).
In diesem Vertrag verpflichtete sich der Graf für die Siedlung der Neubürger südlich der Altstadt eine Befestigung zu errichten - unter Zuhilfenahme der damals üblichen Mittel: u. a. Frondienste der „alten" Landeskinder (der Altstädter und Bewohner der Grafschaft), Einsatz von Arbeitslosen und Sträflingen.
Die Bauarbeiten wurden um 1600 zügig - unter persönlicher Anweisung und persönlichen Plänen von Philipp Ludwig umgesetzt. Der Graf war hochgebildet, u. a. in Architekturtheorie bewandert. Baumeister, „Ingenieur", war Nicolas Gillet. Als Beauftragter für den Festungsbau seitens der Neubürger zeichnete der Ratsherr und Bürgermeister René Mahieu verantwortlich (die wallonisch-niederländische Gemeinde hütet ein Ölporträt).
Dem Grundschema für die Hanauer Neustadt liegt ein Rastermuster aus rechteckigen Baublöcken zu Grunde. Es entspricht dem Schachbrettmuster einer Idealstadt der Renaissance. Im Inneren wurden große Plätze vorgehalten: Neustädter Markt und Französische Allee mit Wallonisch-Niederländischer Kirche, die durch unseren Wettbewerblichen Dialog in naher Zukunft wieder profiliert werden sollen.
Um diesen Neu-Hanauer Stadtkern erstreckte sich ein Fünfeck mit äußeren Festungswerken, die notwendig waren für die Verteidigung der Kommune.
Die Befestigung zu Beginn der Neustadt war in „altniederländischer Manier" mit mächtigen Erdwällen und breiten Wassergräben aufgebaut. Beides ließ sich in dem ebenen, wasserreichen Hanauer Gelände verhältnismäßig leicht und billig herstellen: Man hub einfach Erdreich für den Wassergraben aus und warf es als Wall auf und verstärkte die Aufbauten mit Mauern. Mächtige steinerne Bastionen kamen im Dreißigjährigen Krieg hinzu.
Unter Napoleon sind die Festungsmauern Anfang des 19. Jahrhunderts niedergelegt worden. Heute befindet sich auf der Strecke des einstigen Mauerwerks unser Innenstadtring (der an den fünf Ecken der einstigen Bastionen „Haken" schlägt; er läuft entlang Mühltorweg, Julius-Leber-Straße, Friedrich-Ebert-Anlage, Steinheimer Tor, Nussallee, Eugen-Kaiser-Straße, Sandeldamm).
Die recht einfache Mauer (keine Bastion!) hat abgetragen werden müssen. Achtlos in den Schutt wollten wir sie nicht fahren. Aber eine Idee ist, sie zu Gunsten der Restaurierung von Grabsteinen auf dem Alten Deutschen Friedhofs Steine weise zu verkaufen, was aber noch näher zu prüfen ist.
Bodendenkmäler gehören zu unserem historischen Erbe und sind damit ein wichtiger Teil unserer Kulturgeschichte. Kultur ohne Vergangenheit gibt es nicht, sie stiftet Identität nach innen und außen.
Trutzburg aus Vogelsberger Basalt
Erstmals taucht ein Stück der alten Stadtmauer aus der Versenkung auf
Historiker und Archäologen sind sich einig. „Es ist das erste Mal überhaupt, dass wir die Neustadtmauer so zu Gesicht bekommen", sagt der Ehrenvorsitzende des Hanauer Geschichtsvereins Eckard Meise. Denn über der Erde deutet in der Stadt schon lange nichts mehr auf die alten Befestigungs- und Schutzmauern hin. Immerhin galt Hanau im 17. Jahrhundert - vor allem während des 30-jährigen Krieges - als ein der am besten bewehrten Städte mit dicken Mauer, Türmen und Gräben als Bollwerke gegen potenzielle Feinde.
Die in der Baugrube gefundene Befestigungsmauer ist zirka 15 lang und etwa eineinhalb Meter stark. Sie ragt fast zwei Meter aus der Tiefe an die Oberfläche und steht in einem sandig-feuchten Gelände. Als Fundament dienten Holzbalken. Es wird geschätzt, dass die Mauer ursprünglich drei bis vier Meter hoch gewesen sein könnte und direkt an einem Wassergraben gestanden hat.
Der Basalt, aus dem die Mauer besteht, kann nach Angaben Eckard Meises nicht aus den bekannten Wilhelmsbader Steinbrüchen oder aus der Steinheimer Gemarkung stammen. Denn mit dem kurmainzer Territorium unterhielten die protestantischen Hanauer keine Handelsbeziehungen. Alte Aufzeichnungen, erklärt Eckard Meise, legten vielmehr den Schluss nahe, dass für den Bau der Mauer Basaltsteine aus dem Vogelsberg benutzt wurden.
Auch wenn Mauer und Brunnen nicht erhalten werden können, sind die Archäologen nicht sehr betrübt. Denn nur wenige hundert Meter weiter - am heutigen Freiheitsplatz - stand früher die eigentliche Hanauer Festung. Als Napoleon sie schleifen ließ, blieben die Fundamente erhalten; der Schutt wurde darauf verteilt. Und am Freiheitsplatz soll in näherer Zukunft gebaut werden. Dann ist zu erwarten, dass noch viele weitere bedeutende Relikte der Hanauer Geschichte wieder lebendig werden.
Letzte Aktualisierung: 05. April 2009
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