In der Literatur lebt die Mauer weiter  

Wie Jahrhunderte ale Siedlungsreste für die Nachwelt erhalten werden

Ein vager Verdacht hatte ohnehin schon bestanden. Denn auf den Grundstücken in der Nachbarschaft waren in der Vergangenheit wiederholt archäologische Funde ans Tageslicht befördert worden. Deshalb lag es nahe, dass die Denkmalschutzbehörde auch die Bauarbeiten für den M-Bau unter Beobachtung stellte. Damit wurde die Essener Firma Archbau beauftragt. Das heißt: Die Archäologen beobachten die Bauarbeiten und überprüfen, ob etwas von historischem Wert zu schützen ist.

Am 18. März 2009, schildert Grabungsleiterin Marion Demmel von Archbau, war es mit dem Beobachten dann auch schnell vorbei. Der Beobachtungs-Status musste auf „Grabung" hin verändert werden. Denn Arbeiter hatten die Oberfläche einer rund zehn Meter langen Mauer freigelegt.

Schnell konnten die Experten erkennen, dass da kein modernes Mauerwerk aus dem Boden ragte. Die Bruchsteine gaben einen ersten Anhaltspunkt auf die Entstehung etwa um das Jahr 1600. Auch die Mörteltechnik deutete daraufhin. Vorsichtig wurden deshalb nun Vorder- und Rückseite der historischen Mauer freigelegt.

Dann wurde die Mauer fotografisch erfasst. Dabei kam auch die Fotogrammetrie zum Einsatz, ein spezifisches modernes Verfahren, bei dem Messpunkte auf die Mauer geklebt und diese in den Computer eingelesen werden. So kann mit einer speziellen Software im PC aus vielen Einzelbildern eine Gesamtansicht entstehen. „Man kann damit auch eine 20 Meter lange Mauer ohne Probleme darstellen", erklärt Marion Demmel: „Die Einzelbilder werden über Messdaten erst einmal entzerrt. Wird dann ein Bild ausgedruckt, sieht es so aus, als würde man direkt senkrecht vor der Mauer stehen." Außerdem werden die Daten noch in einen Grabungsplan eingelesen, der später bei der Denkmalbehörde hinterlegt wird.

Schon beim Auftauchen der ersten Mauerstücke, „macht man sich so seine Gedanken und möchte einschätzen, was dahinter steckt", sagt Marion Demmel. Aber für ein sicheres Urteil müssen die Fakten zusammen getragen werden. Und die deuten daraufhin: Die Mauer stammt wahrscheinlich aus dem 17. Jahrhundert. Genaue Aufschlüsse gibt unter anderem die Dentrochronologie, die Wissenschaft von der Baumringzählmethode. Da die Mauer auch Holzbestandteile enthielt, vermutlich Eiche, können Spezialisten aus den Jahresringen und ihrem Umfang ablesen, wann der Stamm gefällt wurde und im Zusammenhang damit: wann die Mauer erbaut wurde.

In innerstädtischen Bereichen, erklärt Marion Demmel, sind solche Funde keine Seltenheit. Denn „der Mensch ist ein faules Tier". Er baut gerne auf dem vorhandenen Schutt, „so wachsen Städte in verschiedenen Schichten". Auf die Mauerreste sind die Bauarbeiter etwa fünf Meter unter der
Straßenoberkante gestoßen. Die Baugrube wird in ihrer endgültigen Tiefe noch zwei Meter weiter nach unten gehen. Nur weil die Baugrube so außergewöhnlich tief ist, bestand überhaupt eine Chance, auf die Zeugen Jahrhunderte alter Siedlungsreste zu stoßen. Dazu gehört auch ein aus Backsteinen gesetzter Brunnen mit einer Holzverkleidung. Auch er wird wie Mauer untersucht, dokumentiert und zumindest so der Nachwelt erhalten.

Da die Mauer nicht bleiben konnte, wo sie stand, musste sie „kontrolliert zerstört" werden. Aber „man möchte ja wissen, was da stand, wo es genau stand und wie es ausgesehen hat, Das funktioniert nur, wenn es genau in Schrift, Bild und Plänen erfasst wird. Dann erst kann das Ganze abgetragen werden", sagt Grabungsleiterin Demmel. Dann ist die Mauer zwar weg, „aber sie lebt weiter in der Literatur".

Letzte Aktualisierung: 05. April 2009

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